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		<title>Fuß in der Luft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lilli Windhaupt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jun 2023 14:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Vernunft träumt von einer Ökonomie des gesicherten Gehens. Sie verlangt nach einem »festen Punkt«, an den sie die »Leitschnur ihrer Schritte« verlässlich anknüpfen kann, wie Kant in der Kritik der reinen Vernunft formuliert. Jede dogmatische Setzung dient letztlich dieser philosophischen »Gemächlichkeit«. Sie soll dem Subjekt jenen unerschütterlichen Boden garantieren, der den nächsten Tritt legitimiert [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Vernunft träumt von einer Ökonomie des gesicherten Gehens. Sie verlangt nach einem »festen Punkt«, an den sie die »Leitschnur ihrer Schritte« verlässlich anknüpfen kann, wie Kant in der <em>Kritik der reinen Vernunft</em> formuliert. Jede dogmatische Setzung dient letztlich dieser philosophischen »Gemächlichkeit«. Sie soll dem Subjekt jenen unerschütterlichen Boden garantieren, der den nächsten Tritt legitimiert und das Gehen als eine Bewegung der Ankunft sichert. Tritt das Denken jedoch in die unabschließbare Verkettung der Erfahrung ein, sieht es sich einer uferlosen Suchbewegung ausgeliefert, in der jeder gefundene Grund sofort nach einem noch tieferen Grund verlangt. Weil die Vernunft in diesem endlosen Fortschreiten niemals an ein Ziel gelangt, sieht sie sich, so Kant, gezwungen, »jederzeit mit einem Fuße in der Luft« zu verharren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die sprachliche Bewegung Kants macht sichtbar, dass die »nicht zu dämpfende Begierde« der Vernunft wesenhaft darauf gerichtet bleibt, über die Grenzen der empirischen Erfahrung hinaus »irgendwo festen Fuß zu fassen«. Derrida weiß, dass die intakte »Form oder Gangart eines Schritts« sich nur als ein unaufhörliches »Kommen ohne Schritt« bewahren lässt. Darin erfüllt sich vielleicht bereits Kants dunkle Ahnung, dass es Denken nur als dieses Treten ins Leere gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Garten ohne Zaun</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lilli Windhaupt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Dec 2022 16:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Garten ist eine Verheißung, ein umfriedetes Glück, eine Ordnung in der Wildnis. Der jüdische Garten, so legt es dieser Band nahe, ist eher eine Frage als eine Antwort, eher ein Umherwandern als ein Ankommen. Keine rabbinische Hecke schützt ihn, kein dogmatischer Wall schließt ihn ein. Er ist eine Lichtung in der Sprache, ein Territorium, [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der Garten ist eine Verheißung, ein umfriedetes Glück, eine Ordnung in der Wildnis. Der jüdische Garten, so legt es dieser Band nahe, ist eher eine Frage als eine Antwort, eher ein Umherwandern als ein Ankommen. Keine rabbinische Hecke schützt ihn, kein dogmatischer Wall schließt ihn ein. Er ist eine Lichtung in der Sprache, ein Territorium, das sich dem Zugriff entzieht, so weitläufig wie die Diaspora, so verwinkelt wie die Fußnoten der Talmudexegese.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier blühen Zitronen und Myrten, aber nicht als bloße Folklore, nicht als Postkartenidylle. Die Metapher des Gartens steht für die jüdische Erfahrung der Fremdheit, für eine Identität, die sich nicht in einen Pass eintragen lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Jabotinsky, kein Ben-Gurion kann sie mit nationalen Koordinaten festlegen und auch kein Netanjahu, in dem sich heute die Versuchung zeigt, aus dem Garten ein Territorium zu machen, befestigt, verwaltet, verteidigt. Ein Ort, der nur noch als das erscheint, was behauptet werden muss, und dabei immer mehr von dem preisgibt, was ihn überhaupt erst zum Garten machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Schtetl, kein Kibbutz, keine Kathedrale der Moderne kann ihr letztes Wort sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Itamar Gov, Hila Peleg und Eran Schaerf haben mit <em>Ein jüdischer Garten</em> eine Anthologie der flüchtigen Zugehörigkeit geschaffen. Die Texte sprechen Hebräisch, Arabisch, Jiddisch, Polnisch, Ladino, Portugiesisch, sie murmeln sich gegenseitig zu, sie widerlegen sich, sie bestätigen sich in der Widerlegung. Da ist Ruth Almogs »Eine Fremde im Garten Eden«, in der Lilith nicht vertrieben, sondern aus dem Hebräischen gelöscht wird. Da ist Anton Shammas, der als arabisch schreibender Jude sich selbst als Paradoxon inszeniert, als Gast im eigenen Garten. Da ist die mittelalterliche Dichterin Qasmuna bint Ismail al-Yahudi, deren Stimme sich durch die Jahrhunderte reckt: »Einen Weinberg schau’ ich da, zur Lese ist jetzt die Zeit.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann Clarice Lispector, die Unbehauste, die sich als Kind auf der Flucht wiederfindet, entwurzelt und dennoch tief in der Sprache verankert. »Wurzel zu Wipfel«, zitiert sie Rahel Levin an Karl August Varnhagen, »das, Lieber, leider! Leider bin ich.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein Buch, das die Konstruktion von Identität zeigt, indem es sie ständig unterläuft. Wer hier nach der Reinheit des Jüdischen sucht, findet es in der Vermischung. Wer sich Klarheit erhofft, verliert sich im Labyrinth der Stimmen. »Was hat ein Palästinenser im jüdischen Garten zu suchen?«, fragt Shammas. Die Antwort: Dasselbe wie ein Sepharde in Toledo, ein Jude in Saloniki, ein Hebräischsprechender in der französischen Aufklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Moses Ibn Esra sah den Garten als Ort der Gelehrtenversammlung, als Raum des Denkens in Bildern. Die Kabbalisten von Safed pflanzten in die Sprache Wurzeln, die bis in die mystische Bedeutung des Namens reichten. Aber hier, in diesem Buch, ist der Garten eine Auseinandersetzung, ein Verhandlungsort. Er ist ein Paradies, das kein Paradies sein will, weil es sich nicht in die Ruhe begibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es weht eine Schönheit darin, eine Romantik, die nicht mit Sentimentalität verwechselt werden darf. Hier ist nichts süßlich, kein Nostalgietränen verklärter Zionismus, keine Wehmut über die versunkene Welt der aschkenasischen Rabbiner. Eher ein unruhiges Erinnern, eine Identität, die in der Bewegung ihre einzige Konstante findet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die jüdische Identität – falls es sie gibt – ist ein Gespräch, das niemals endet. Sie ist dieser Garten ohne Zaun, der sich jeder Besitznahme widersetzt. Wer ihn betritt, betritt keine Nation, keine Religion, sondern eine Sprache in Verwandlung. Einen Garten, in dem man sich verirren kann …</p>
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		<title>Hiddensee #6 — Die »Malweiber« von Hiddensee</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jul 2021 09:11:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Travel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den »Kunstnachrichten« vom 15. November 1919 konnte man in einer kleinen Annonce lesen: »Hiddensöe. Eine Anzahl Malerinnen hat sich zu einem Hiddensöer Künstlerinnenbund zusammen getan.« Der aufgeschreckten künstlerischen Männerwelt fiel nichts Besseres ein, als die Malerinnen mit dem von Fritz von Ostini geprägten Begriff »Malweiber« bzw. »Malweibchen« zu bedenken, um so die Kunst der [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">In den »Kunstnachrichten« vom 15. November 1919 konnte man in einer kleinen Annonce lesen: »Hiddensöe. Eine Anzahl Malerinnen hat sich zu einem Hiddensöer Künstlerinnenbund zusammen getan.« Der aufgeschreckten künstlerischen Männerwelt fiel nichts Besseres ein, als die Malerinnen mit dem von Fritz von Ostini geprägten Begriff »Malweiber« bzw. »Malweibchen« zu bedenken, um so die Kunst der Frauen von vornherein als dilettantisch und technisch unausgebildet abqualifizieren zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen des Künstlerinnenbundes haben ganz unterschiedliche Strategien ausgebildet, mit dieser Abwertung umzugehen. Spannend erscheint mir der Versuch von Henni Lehmann, der Abwertung mit Umwertung zu begegnen und die Kategorie des »Meisterlichen«, immerhin eine Kategorie patriarchaler Gesellschaften, selbst zu hinterfragen und stattdessen ganz gezielt auf eine »Kunst zweiten Grades« zu setzen, eben eine »gute Tageskunst«. Nicht »Meisterschaft«, sondern »Teilhabe« war das Ziel jener Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrigens, schon Fritz von Ostini bemerkte nicht ohne Ironie die vermeintlich wahren Motive für die Abwertung durch die männlichen Künstlerkollegen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>»Mit weit offenen Armen nimmt man die kunstbeflissenen Mägdelein in die Malschulen auf — in die Kaste selber aber will man sie nicht hereinlassen, denn schließlich: einmal könnte doch eine was verkaufen!«</p></blockquote>
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		<title>Hiddensee #5 — Asta Nielsen und Joachim Ringelnatz—</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jul 2021 04:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Travel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Ringelnatz sucht noch immer Bernstein, das einzige, was er aber gefunden hat, ist eine Kneipe, wo man guten Korn bekommen kann, und ein Hotel, das besseren Kaffee macht als wir.« Asta Nielsen, Hiddensee, 16. Juni 1929 »Wo Ringelnatz ist, ist man nie sicher. Entweder steht meine Seife auf vier hohen Beinen, oder die Brötchen auf [&#8230;]</p>
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<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>»Ringelnatz sucht noch immer Bernstein, das einzige, was er aber gefunden hat, ist eine Kneipe, wo man guten Korn bekommen kann, und ein Hotel, das besseren Kaffee macht als wir.«</p><cite>Asta Nielsen, Hiddensee, 16. Juni 1929</cite></blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>»Wo Ringelnatz ist, ist man nie sicher. Entweder steht meine Seife auf vier hohen Beinen, oder die Brötchen auf dem Mittagstisch quietschen, oder die Pfirsiche kommen auf den Tisch mit Straußenköpfen aus Papier und einer Gänsefeder als Schwanz.</p><p>Er taucht in den merkwürdigsten Sachen auf. Zum Beispiel spazierte er heute herum mit einer Baskenmütze kokett angebracht auf dem einen Ohr. Die Mütze hatte er gestern Abend, sagte er, zur Erinnerung an eine schöne, junge Dame auf dem Hotelball geschenkt bekommen.</p><p>Übrigens trank er gestern Abend Brüderschaft mit vier Fischern an der Schenke, und auf dem Heimweg war er zu klug, um mit uns anderen den gewöhnlichen Weg nach Hause zu gehen, er wusste einen viel besseren.</p><p>Er kam zwei Stunden später als wir nach Hause, bis zur Taille durchnässt, nachdem er in einen Sumpf hineingeraten war.«</p><cite>Asta Nielsen, Hiddensee, 20. Juni 1929</cite></blockquote>
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		<title>Hiddensee #4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Jul 2021 04:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Travel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>HIDDENSEE #4 »Aus dem Tanze der Glühwürmchentritt es hervor, blaß, schlaff,blutrünstig. Eine Stirn, braun und blaugeschlagen, blaue Lippen, über dieschwarzes Blut tröpfelt.Er ist es.« Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel Texte von Gerhart Hauptmann zu lesen, der immerhin &#8211; das wird häufig vergessen &#8211; einer von bisher 10 deutschsprachigen Literaturnobelpreisträger*innen ist, stellt immer ein besonderes Vergnügen dar. [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://zone-5.de/2021/07/hiddensee-4/">Hiddensee #4</a> erschien zuerst auf <a href="https://zone-5.de">Zone 5</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">HIDDENSEE #4</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>»Aus dem Tanze der Glühwürmchen<br>tritt es hervor, blaß, schlaff,<br>blutrünstig. Eine Stirn, braun und blau<br>geschlagen, blaue Lippen, über die<br>schwarzes Blut tröpfelt.<br>Er ist es.«</p><cite>Gerhart Hauptmann, <em>Bahnwärter Thiel</em></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Texte von Gerhart Hauptmann zu lesen, der immerhin &#8211; das wird häufig vergessen &#8211; einer von bisher 10 deutschsprachigen Literaturnobelpreisträger*innen ist, stellt immer ein besonderes Vergnügen dar. Nur was, wenn gerade kein Buch zur Hand ist, weil man auf Reisen ist? Kein Problem, sollte man denken, vor allem, wenn man auf Hiddensee ist, wo Hauptmann ja als Inselheiliger verehrt wird. Der Gang in die Buchläden bzw. in Läden »mit erweitertem Bücherangebot«, wie es dort heißt, war dann aber einigermaßen ernüchternd. »Hauptmann? Den führen wir schon lange nicht mehr. Meine Chefin sagt, der verkaufe sich nicht. Versuchen Sie es mal im Gerhart-Hauptmann-Haus in Kloster, vielleicht haben die ja noch was!« Ein sehr beunruhigendes »Vielleicht«, aber sicherlich kein Grund, um kulturellen Verfall zu beklagen. Man muss Hauptmann nicht gelesen haben, gleichwohl lohnt es sich.</p>
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		<title>Hiddensee #3</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Jul 2021 15:18:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Travel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hauptmann und BallermannQuo vadis Hiddensee ?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://zone-5.de/2021/07/hiddensee-3/">Hiddensee #3</a> erschien zuerst auf <a href="https://zone-5.de">Zone 5</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Hauptmann und Ballermann<br>Quo vadis Hiddensee ?</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Hiddensee #2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jul 2021 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Travel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Berliner Künstler Torsten Schlüter, seit Anfang der 80er Jahre eng mit der Insel Hiddensee verbunden, die er als seinen »Rückzugsort« bezeichnet, weiß genau, woher seine Faszination für Hiddensee kommt: »Die Insel ist immer so schön UNGEKÄMMT […].« Er hat durchaus recht und man weiß ja auch, was er damit sagen möchte, aber ist nicht [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Der Berliner Künstler Torsten Schlüter, seit Anfang der 80er Jahre eng mit der Insel Hiddensee verbunden, die er als seinen »Rückzugsort« bezeichnet, weiß genau, woher seine Faszination für Hiddensee kommt: »Die Insel ist immer so schön UNGEKÄMMT […].« Er hat durchaus recht und man weiß ja auch, was er damit sagen möchte, aber ist nicht schon genau das das Problem? Ich frage mich, was ist das nur, diese Faszination für das UNGEKÄMMTE?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ganze Ambiguität dieses Phänomens entfaltet Thomas Mann, der im Übrigen auch auf Hiddensee weilte und an seinem »Zauberberg« schrieb, in dem Haare keine unwesentliche Rolle spielen. Ich denke aber zunächst an »Lotte in Weimar«. Hier stellt der fiktive Goethe einen Zusammenhang zwischen Haar und Hirn her: »Man ist ein ganz anderer Mensch, wenn das Haar aus der Stirn und den Schläfen ist und seinen Sitz hat, da ist die Fregatte erst klar zum Gefecht, ist der Kopf erst klar, denn zwischen Haar und Hirn, da gibts Relationen, ein UNGEKÄMMTES Hirn, was soll das taugen?« Wo gedacht wird, müssen die Haare sitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz anders ergeht es Hanno Buddenbrook und seiner freundschaftlichen Beziehung zu Kai Graf Mölln, der, zwar von »vornehmer Herkunft«, aber mit »gänzlich verwahrlostem Äußeren« auftrat. Dementsprechend war auch sein »Kopf […] vernachlässigt, UNGEKÄMMT und nicht sehr reinlich«. Der hochbegabte Künstler Hanno begeistert sich für den ungekämmten Aristokratensohn Kai. Man weiß natürlich, dass Thomas Mann vor allem der preußisch reglementierten Schule vorwarf, dass sie »pedantisch« und »kümmerlich unkünstlerisch zu Werke« ginge. Das UNGEKÄMMTE ist also ein Kampfbegriff? Ein Widerlager gegen die etablierte Ordnung?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Roland Barthes erinnert in »Die Mythen des Alltags« an den Abbé Pierre, der »halb rasiert« und halb »UNGEKÄMMT« mit geradezu ikonografischer Wucht den »Nullzustand der Frisur« repräsentiert. Man kann nicht nur ein bisschen UNGEKÄMMT sein, weil dieser Nullzustand, der Zustand zwischen halb rasiert und halb ungekämmt in Neutralität mündet und Neutralität »schließlich als ›Zeichen‹ der Neutralität funktioniert«. Das Unkonventionelle verliert seine Kraft und das UNGEKÄMMTE wird letztlich zur Frisur.</p>
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		<title>Hiddensee #1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Jul 2021 22:11:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Travel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Man wird darüber nachdenken müssen, was es heißt, einen Mythos zu bereisen. Hiddensee, einst Insel der Berliner Elite, Insel der Maler*innen und Dichter*innen, verschlafene Schönheit ohne Autos und ohne den Lärm der Welt.&#160; Während ich am Strand sitze und in den Sonnenuntergang schaue, fällt mir Heidegger ein, der eine Urlaubsreise durch die griechische Ägäis, die [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Man wird darüber nachdenken müssen, was es heißt, einen Mythos zu bereisen. Hiddensee, einst Insel der Berliner Elite, Insel der Maler*innen und Dichter*innen, verschlafene Schönheit ohne Autos und ohne den Lärm der Welt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich am Strand sitze und in den Sonnenuntergang schaue, fällt mir Heidegger ein, der eine Urlaubsreise durch die griechische Ägäis, die ihm seine Frau geschenkt hatte, erst immer wieder aufschiebt, und sie dann zwar antritt, aber zumeist das Schiff nicht verlässt. Er schien zu ahnen, dass der Anblick, der sich ihm bieten würde, nur schwerlich seinen geschichtsmythischen Vorstellungen entsprechen könne: eben eine Welt, in der keine Götter mehr walten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun ist Hiddensee längst nicht so mythisch aufgeladen wie das antike Griechenland und ich bin nicht Heidegger. Also gehe ich raus, sitze hier im Sand und genieße das Spektakel der Farben. Auch ein(en) Untergang …</p>
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		<title>Cervantes und die Liebe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2020 14:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Lesen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»›Genug jetzt‹, sagte Arnaldo, ›genug Periandro, lieber Freund, wirst du schon nicht müde, von deinen Missgeschicken zu berichten, werden wir es umso mehr, ihnen zu lauschen, sind ihrer doch so viele.‹« Miguel de Cervantes, Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda, aus dem Spanischen übersetzt von Petra Strien, Berlin: Die Andere Bibliothek 2016, S. 218. Müde [&#8230;]</p>
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<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">»›Genug jetzt‹, sagte Arnaldo, ›genug Periandro, lieber Freund, wirst du schon nicht müde, von deinen Missgeschicken zu berichten, werden wir es umso mehr, ihnen zu lauschen, sind ihrer doch so viele.‹«</p>
<cite>Miguel de Cervantes, <em>Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda</em>, aus dem Spanischen übersetzt von Petra Strien, Berlin: Die Andere Bibliothek 2016, S. 218.</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Müde wird man nicht beim Lesen dieses fulminanten — und fantastisch von Petra Strien übersetzten, kommentierten, — barocken Liebesromans, ein wenig wirr vielleicht, aber von einer erfreulichen Wirrheit, die einer von italienischen Barbaren, cross-dressenden Jünglingen und protestantischen Rom-Pilgern bevölkerten Welt nur angemessen ist.</p>
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		<title>Die Kunst und das Politische</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marco Gutjahr]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2020 09:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Lesen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Arendt]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Maike Weißpflug]]></category>
		<category><![CDATA[Politische]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Erzählungen konstituieren nicht nur die politische Welt, sondern werden zugleich zu der Brille, durch die sich diese neue Sichtweise auf das Politische auf theoretischer Ebene erfassen lässt. Das storytelling steht also im Zentrum von Arendts politiktheoretischer Konzeption, aus deren Analyse vielleicht so etwas wie ein Modell für eine narrativ verfasste politische Theorie gewonnen werden kann.« [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://zone-5.de/2020/06/maike-weisspflug/">Die Kunst und das Politische</a> erschien zuerst auf <a href="https://zone-5.de">Zone 5</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>»Erzählungen konstituieren nicht nur die politische Welt, sondern werden zugleich zu der Brille, durch die sich diese neue Sichtweise auf das Politische auf theoretischer Ebene erfassen lässt. Das <em>storytelling</em> steht also im Zentrum von Arendts politiktheoretischer Konzeption, aus deren Analyse vielleicht so etwas wie ein Modell für eine narrativ verfasste politische Theorie gewonnen werden kann.« (S. 196)</p><cite>Maike Weißpflug, <em>Hannah Arendt. Die Kunst, politisch zu Denken</em>, Berlin: Matthes und Seitz 2019, S. 196.</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So klar und locker führt Maike Weißpflug in Hannah Arendt ein, dass man ganz überrascht ist von diesem Ton, der bei akademischem Nachwuchs in Deutschland mehr als selten ist. Dann auch noch die Literatur als Ausgangspunkt von Arendts Denken — was will man mehr? Vielleicht einen Begriff von Literatur, den die Autorin vielleicht aber einfach nicht hat, weil Arendt keinen hatte?</p>
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