Hiddensee #2

Der Berliner Künstler Torsten Schlüter, seit Anfang der 80er Jahre eng mit der Insel Hiddensee verbunden, die er als seinen »Rückzugsort« bezeichnet, weiß genau, woher seine Faszination für Hiddensee kommt: »Die Insel ist immer so schön UNGEKÄMMT […].« Er hat durchaus recht und man weiß ja auch, was er damit sagen möchte, aber ist nicht schon genau das das Problem? Ich frage mich, was ist das nur, diese Faszination für das UNGEKÄMMTE?

Die ganze Ambiguität dieses Phänomens entfaltet Thomas Mann, der im Übrigen auch auf Hiddensee weilte und an seinem »Zauberberg« schrieb, in dem Haare keine unwesentliche Rolle spielen. Ich denke aber zunächst an »Lotte in Weimar«. Hier stellt der fiktive Goethe einen Zusammenhang zwischen Haar und Hirn her: »Man ist ein ganz anderer Mensch, wenn das Haar aus der Stirn und den Schläfen ist und seinen Sitz hat, da ist die Fregatte erst klar zum Gefecht, ist der Kopf erst klar, denn zwischen Haar und Hirn, da gibts Relationen, ein UNGEKÄMMTES Hirn, was soll das taugen?« Wo gedacht wird, müssen die Haare sitzen.

Ganz anders ergeht es Hanno Buddenbrook und seiner freundschaftlichen Beziehung zu Kai Graf Mölln, der, zwar von »vornehmer Herkunft«, aber mit »gänzlich verwahrlostem Äußeren« auftrat. Dementsprechend war auch sein »Kopf […] vernachlässigt, UNGEKÄMMT und nicht sehr reinlich«. Der hochbegabte Künstler Hanno begeistert sich für den ungekämmten Aristokratensohn Kai. Man weiß natürlich, dass Thomas Mann vor allem der preußisch reglementierten Schule vorwarf, dass sie »pedantisch« und »kümmerlich unkünstlerisch zu Werke« ginge. Das UNGEKÄMMTE ist also ein Kampfbegriff? Ein Widerlager gegen die etablierte Ordnung?

Roland Barthes erinnert in »Die Mythen des Alltags« an den Abbé Pierre, der »halb rasiert« und »UNGEKÄMMT« mit geradezu ikonografischer Wucht den »Nullzustand der Frisur« repräsentiert. Man kann nicht nur ein bisschen UNGEKÄMMT sein, weil dieser Nullzustand, der Zustand zwischen halb rasiert und halb ungekämmt in Neutralität mündet und Neutralität »schließlich als ›Zeichen‹ der Neutralität funktioniert«. Das Unkonventionelle verliert seine Kraft und das UNGEKÄMMTE wird letztlich zur Frisur.