Fuß in der Luft
- Lilli Windhaupt
- 11. Juni 2023
- Allgemein
Die Vernunft träumt von einer Ökonomie des gesicherten Gehens. Sie verlangt nach einem »festen Punkt«, an den sie die »Leitschnur ihrer Schritte« verlässlich anknüpfen kann, wie Kant in der Kritik der reinen Vernunft formuliert. Jede dogmatische Setzung dient letztlich dieser philosophischen »Gemächlichkeit«. Sie soll dem Subjekt jenen unerschütterlichen Boden garantieren, der den nächsten Tritt legitimiert und das Gehen als eine Bewegung der Ankunft sichert. Tritt das Denken jedoch in die unabschließbare Verkettung der Erfahrung ein, sieht es sich einer uferlosen Suchbewegung ausgeliefert, in der jeder gefundene Grund sofort nach einem noch tieferen Grund verlangt. Weil die Vernunft in diesem endlosen Fortschreiten niemals an ein Ziel gelangt, sieht sie sich, so Kant, gezwungen, »jederzeit mit einem Fuße in der Luft« zu verharren.
Die sprachliche Bewegung Kants macht sichtbar, dass die »nicht zu dämpfende Begierde« der Vernunft wesenhaft darauf gerichtet bleibt, über die Grenzen der empirischen Erfahrung hinaus »irgendwo festen Fuß zu fassen«. Derrida weiß, dass die intakte »Form oder Gangart eines Schritts« sich nur als ein unaufhörliches »Kommen ohne Schritt« bewahren lässt. Darin erfüllt sich vielleicht bereits Kants dunkle Ahnung, dass es Denken nur als dieses Treten ins Leere gibt.

