Garten ohne Zaun

Der Garten ist eine Verheißung, ein umfriedetes Glück, eine Ordnung in der Wildnis. Der jüdische Garten, so legt es dieser Band nahe, ist eher eine Frage als eine Antwort, eher ein Umherwandern als ein Ankommen. Keine rabbinische Hecke schützt ihn, kein dogmatischer Wall schließt ihn ein. Er ist eine Lichtung in der Sprache, ein Territorium, das sich dem Zugriff entzieht, so weitläufig wie die Diaspora, so verwinkelt wie die Fußnoten der Talmudexegese.

Hier blühen Zitronen und Myrten, aber nicht als bloße Folklore, nicht als Postkartenidylle. Die Metapher des Gartens steht für die jüdische Erfahrung der Fremdheit, für eine Identität, die sich nicht in einen Pass eintragen lässt.

Kein Jabotinsky, kein Ben-Gurion kann sie mit nationalen Koordinaten festlegen und auch kein Netanjahu, in dem sich heute die Versuchung zeigt, aus dem Garten ein Territorium zu machen, befestigt, verwaltet, verteidigt. Ein Ort, der nur noch als das erscheint, was behauptet werden muss, und dabei immer mehr von dem preisgibt, was ihn überhaupt erst zum Garten machte.

Kein Schtetl, kein Kibbutz, keine Kathedrale der Moderne kann ihr letztes Wort sein.

Itamar Gov, Hila Peleg und Eran Schaerf haben mit Ein jüdischer Garten eine Anthologie der flüchtigen Zugehörigkeit geschaffen. Die Texte sprechen Hebräisch, Arabisch, Jiddisch, Polnisch, Ladino, Portugiesisch, sie murmeln sich gegenseitig zu, sie widerlegen sich, sie bestätigen sich in der Widerlegung. Da ist Ruth Almogs »Eine Fremde im Garten Eden«, in der Lilith nicht vertrieben, sondern aus dem Hebräischen gelöscht wird. Da ist Anton Shammas, der als arabisch schreibender Jude sich selbst als Paradoxon inszeniert, als Gast im eigenen Garten. Da ist die mittelalterliche Dichterin Qasmuna bint Ismail al-Yahudi, deren Stimme sich durch die Jahrhunderte reckt: »Einen Weinberg schau’ ich da, zur Lese ist jetzt die Zeit.«

Und dann Clarice Lispector, die Unbehauste, die sich als Kind auf der Flucht wiederfindet, entwurzelt und dennoch tief in der Sprache verankert. »Wurzel zu Wipfel«, zitiert sie Rahel Levin an Karl August Varnhagen, »das, Lieber, leider! Leider bin ich.«

Es ist ein Buch, das die Konstruktion von Identität zeigt, indem es sie ständig unterläuft. Wer hier nach der Reinheit des Jüdischen sucht, findet es in der Vermischung. Wer sich Klarheit erhofft, verliert sich im Labyrinth der Stimmen. »Was hat ein Palästinenser im jüdischen Garten zu suchen?«, fragt Shammas. Die Antwort: Dasselbe wie ein Sepharde in Toledo, ein Jude in Saloniki, ein Hebräischsprechender in der französischen Aufklärung.

Moses Ibn Esra sah den Garten als Ort der Gelehrtenversammlung, als Raum des Denkens in Bildern. Die Kabbalisten von Safed pflanzten in die Sprache Wurzeln, die bis in die mystische Bedeutung des Namens reichten. Aber hier, in diesem Buch, ist der Garten eine Auseinandersetzung, ein Verhandlungsort. Er ist ein Paradies, das kein Paradies sein will, weil es sich nicht in die Ruhe begibt.

Es weht eine Schönheit darin, eine Romantik, die nicht mit Sentimentalität verwechselt werden darf. Hier ist nichts süßlich, kein Nostalgietränen verklärter Zionismus, keine Wehmut über die versunkene Welt der aschkenasischen Rabbiner. Eher ein unruhiges Erinnern, eine Identität, die in der Bewegung ihre einzige Konstante findet.

Die jüdische Identität – falls es sie gibt – ist ein Gespräch, das niemals endet. Sie ist dieser Garten ohne Zaun, der sich jeder Besitznahme widersetzt. Wer ihn betritt, betritt keine Nation, keine Religion, sondern eine Sprache in Verwandlung. Einen Garten, in dem man sich verirren kann …